Schokolade, Pflaumenwein und Feigheit

Wenn man in ein Hotel kommt, liegt da fast immer ein Stück Schokolade auf dem Kopfkissen. Warum? Keine Ahnung. Die Schokolade ist fast immer von minderer Qualität, also schmeisst man sie entweder gleich weg oder legt sie irgendwohin, wo sie beim Schlafen nicht im Weg ist. Manchmal sind die Angestellten echt beharrlich, dann liegt die Schoko, die man auf den Schreibtisch gelegt hat, am nächsten Tag wieder auf dem Kopfkissen. Alles in allem ein ziemlich unsinniger Brauch, der keiner Seite wirklich etwas nützt, sich aber wohl mal so eingebürgert hat.

Ein ähnlicher Effekt ist zu beobachten, wenn man Asiatisches Essen bestellt. Ist die Bestellung auch nur etwas umfangreicher, wird sie fast unweigerlich von Pflaumenwein begleitet, im schlimmsten Fall sogar von einer großen Flasche. Was tun damit? Trinken kann man ihn kaum, was jeder nachvollziehen kann, der ihn schon mal probiert hat. Zur allergrößten Not geht er als Sherryersatz beim Kochen durch, aber eigentlich ist er auch dazu zu süß. Soweit ich weiss, hat nie jemand die Flasche abgelehnt, wahrscheinlich würde sich der Lieferant dann direkt vor der Wohnungstür entleiben, tödlich in seiner Ehre getroffen.

Ich kann mich da nicht ausnehmen, auch ich verneige mich jedesmal höflich bis zum Boden und nehme die Flasche Pflaumenwein sichtlich ehrerbietig und gerührt entgegen. Und die Schokolade lass ich unauffällig verschwinden, statt einen Zettel zu hinterlassen: „Ist ja echt lieb, braucht aber keiner und wird auch niemand jemals essen“. Und solange alle so feige sind wie ich, wird das Spiel wie gewohnt weitergehen.

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