Warum ich nur noch selten Bahn fahre

Es sieht in der Werbung so schön aus: Michael Ballack sitzt im Zug, signiert Kindern Bälle (oder war das eine der anderen unzähligen Werbungen mit Michael Ballack?). Ansonsten ist alles weitgehend ruhig und friedlich, der Zug gleitet pünktlich und zügig dahin.

Die Realität sieht anders aus. Wenn Sie die kennen lernen wollen, empfehle ich Ihnen, beispielsweise am Freitag mit dem 16:44-Zug von Regensburg nach München zu fahren. Am Bahnsteig trifft man bereits auf die vorglühenden Atzen, die sich permanent mit „Ey, Alder“, „Was geht ab“ und ähnlichem verständigen. Da sie schon so blau sind, muss alles natürlich x-mal wiederholt werden. Der Bahnsteig ist proppevoll, man fragt sich, wie die Leute alle in den Zug passen sollen.

Dann fährt er ein. Die fröhliche Festgemeinde steigt auch ein, nimmt ihren Kasten Augustiner in die Mitte, und dreht den Gettoblaster auf. So geht das dann bis München. Der Schaffner sagt nichts, was ich verstehen kann. Er lebt auch lieber weiter, als in Ergoldsbach von den Atzen aus dem Zug geschmissen zu werden.

Das ist der Normalzustand, richtig „lustig“ wird es, wenn Bayern München ein Spiel hat. Dann sind die Atzen fünf mal mehr, noch blauer und mit hübschen Fanschals verziert. Ob sie für oder gegen Bayern München sind, ist schwer zu verstehen.

Einen anderen Aspekt des Problems kann man erleben, wenn man morgens z. B. von Kaufbeuren nach München fährt. Der Zug ist gepfercht voll mit Pendlern, so dass man gar nicht immer einen Sitzplatz bekommt. Das erstaunliche ist: Obwohl die meisten dieser Fahrgäste in ein Büro fahren, wo bestimmt alle Instrumente der Telekommunikation bereitstehen, müssen sie im Zug telefonieren. Das natürlich vorzugsweise sehr laut und sehr wichtig („Sind die Fact Sheets schon raus? Wenn nicht, sag doch bitte FRAU MÜLLER, sie soll sie HEUTE noch fertig machen“).

Klar ist Autofahren manchmal nervig und der Anblick der rappelvollen A9 macht ein wenig bang. Und es gibt Leute, die versuchen, mit der Nase ihres Q7 meine Kofferraumklappe zu streicheln, wenn ich nicht schnell genug weg bin. Trotzdem fahre ich inzwischen lieber Auto. Es ist atzenfreie Zone, ich kann Musik meiner Wahl hören und bekomme nicht immer „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“ in den Song meiner Wahl hineingebrüllt. Und noch ein Plus: Ich kann eine Tasche mitnehmen, in vielen Zügen beschränkt sich die Gepäckmitnahme ja auf ein Minimum (haben Sie schon mal versucht, in den Doppeldecker-Waggons eine richtige Tasche im Gepäckgitter über dem Sitz unterzubringen?)

Bahn fahr ich eigentlich nur noch ein mal im Jahr. Wenn ich an Weihnachten meinen Vater besuche. Dann fahr ich mit einem kleinen Regionalzug durchs Allgäu, steig irgendwo aus und stapf durch den Schnee. Und denke mir: Wenn Bahnfahren öfter so wäre, würd ich vielleicht auch wieder öfter Bahn fahren.

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